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Lost Art


Jüdische Sammler und Kunsthändler (Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Enteignung)

Dosquet, Dr. Wilhelm

Lebensdatengeb. als Wilhelm Manasse am 2. Februar 1859 in Breslau; gest. 1. Februar 1938 in Berlin
BerufMediziner, Sanitätsrat
Firmensitz, -name, -gründungKrankenhaus, Berlin, Mittelstraße 6-8 , Nordend

Familie

Eltern: Nathan Manasse, Kaufmann und Cäcilie, geborene Leubuscher.

Ehefrau: Antonie Morino, verehelichte Dosquet, geb. 17. Februar 1865 in Gotha, katholisch, gest. 23. April 1945 in Berlin, Alleinerbin und damit Eigentümerin zum Zeitpunkt der Versteigerung der Sammlung 1941.

Tochter: Marie-Theres Thiedig, geb. 24. Juli 1891 in Berlin, gest. 8. November 1970, ebenda.

Enkelin: Josefa Thiedig: 1918–1942.

Sohn: Hans Werner Dosquet, geb. 28. Oktober 1894 in Berlin, gest. 12. Dezember 1944 ebenda.

AdresseBis in die 1930er Jahre: Lothringer Str. 50 (heute etwa: Torstr. 117), Berlin-Mitte, am Rosenthaler Platz. Danach Wohnsitz auf dem Gelände der eigenen Privatklinik in Nordend, Mittelstr. 6-8, Berlin-Niederschönhausen, heute Pankow.
Sammlung und FamilieWilhelm Dosquet, approbiert 1886 zum Urologen in Berlin, praktizierte hier zuerst in der seit alters her für jüdische Krankenpflege bekannten Gegend rund um das Spandauer Tor. Eheschließung 1890 und Spezialisierung auf Lungenheilkunde, Konsolidierung. Beginn des Sammelns ausgehend von Familienerbstücken der Angewandten Kunst, Möbel, Keramik, Glas, Silber, von Barock bis zum Ende des Klassizismus. Vertreter der Reformbewegung in der Krankenpflege und im Zuge dessen Entwicklung eines eigenen Krankenhaustyps für Tuberkulosekranke, nach 1900 realisiert in dem von ihm geführten Privatkrankenhaus in Berlin-Niederschönhausen. Das sogenannte „Dosquet’sche Fenster“ wurde beim Bau von weiteren Klinikneubauten in Köln und Zwickau übernommen. Reformerische Konzepte und Therapien in eigenen Veröffentlichungen dargelegt. Stetig Erweiterung der Sammlung und dabei zum gefragten Kenner herangebildet.
Leihgaben im Berliner Schlossmuseum. 1930 bis April 1933 Mitglied der „Sachverständigen-Kommission für das Schlossmuseum“. Danach Rückzug in die Tätigkeit als Arzt in der Privatklinik am Rande Berlins. Allmählich Übergabe der Verantwortung für Klinikbetrieb und Patienten an seinen Sohn Dr. Hans Dosquet, der 1920 approbiert hatte. Ab Mitte Dezember 1936 geraten die Dosquets in den Fokus der Regierung durch den, aus dem KZ Esterwegen entlassenen, prominenten Patienten, den Publizisten und seit kurzem Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky. Infolgedessen permanente Gestapoüberwachung auf dem Klinikgelände. Nach dem Tod des renommierten Sammlers im Februar 1938, und – nur drei Monate später – dem des jetzt international bekannten Ossietzky, bleibt die Familie schutzlos zurück. Die Privatklinik wird 1939 mithilfe des lokalen Gesundheitsamtes durch einen kommissarischen Leiter de facto in staatliche Hände überführt. „Nach massivem Druck auf die Familie“ sieht sich die Witwe des Sammlers Antonie Dosquet 1941 genötigt, die Kunstsammlungen versteigern zu lassen. Sie hofft damit, die Bedrohung von ihren Kindern abzuwenden. Vergeblich, die Tochter und deren Ehemann werden 1942 für mehrere Monate inhaftiert, ebenso der Sohn, mehrfach, bis zu dessen Einweisung in die geschlossene Psychiatrie 1944, wo er unter ungeklärten Umständen verstarb.
Seit 1948 bis zu ihrem Tod 1970 setzte sich die Tochter des Sammlers erfolglos für die Rückgabe der Werke ein.
Sammlungsschwerpunkt und VerlustDie Sammlung Dosquet reiht sich in große Berliner Privatsammlungen des Kaiserreichs ein, deren Schwerpunkt englische, französische und deutsche Kunst des 18. und frühen 19. Jahrhunderts war. Während die Berliner Museen die Sammlerkultur Wilhelm von Bodes dominierte, der Mittelalter und Renaissance als Kunstepochen präferiere, zog es mancher große Sammler vor, sich von der Öffentlichkeit unbemerkt, mit Stücken zu umgeben, die der Museumsmann gering schätzte. Dafür stehen die Porzellansammlungen von Karl Lüders oder Hermine Feist; Friedrich Lippmann und Jacques Mühsam, Rudolf Mosse und Herbert Gutmann umgaben sich mit Möbeln des 18. Jahrhunderts (Kuhrau 2005, 187). Dosquet hatte sich somit für Kunst interessiert, die um die Jahrhundertwende unpopulär und daher günstig zu erwerben war, hatte diese zu sammeln begonnen und daran seine Kennerschaft entwickelt.
Die Sammlung war langsam gewachsen. Sie diente der Wohnlichkeit und war nicht dazu gedacht ausgestellt zu werden. Ihre Qualität wuchs mit den Jahrzehnten, ohne dass ihr öffentlich Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre. Wenn auch einige Stücke jahrzehntelang ins Schlossmuseum ausgeliehen waren. Die Sammlung als solche war nur einem „kleinen Kreis von Kunstfreunden“ bekannt, als sie 1941 versteigert wurde (Falke 1941, 165). Gerade deshalb war sie für Kenner attraktiv: „Die Sammlung Dosquet war die einzige deutsche Privatsammlung, die drei wohlerhaltene Möbel aus der Neuwieder Werkstatt des berühmten deutschen Möbelkünstlers David Roentgen besaß.“ (Falke 1941, 166).
Dem „massiven Druck“ auf die Familie folgte der Entzug des Kunstbesitzes, der im Februar 1941 einsetzte. Zuerst nahm die Kunsthandlung C. G. Boerner, die etwa 200 Werke zählende Sammlung von Kupferstichen in der Wohnung der Familie an sich und ließ sie nach Leipzig zum Verkauf transportieren. Die von der Tochter des Sammlers zusammengestellte Liste enthält 78 Blatt der sog. Englischen, 85 Blatt der Französischen und 37 der Deutschen Schule, weiterhin 41 Lithografien. Die mit ca. 800 Objekten weitaus umfangreichere und wertvollere Sammlung von Kunstgewerbe ging in das Auktionshaus Hans W. Lange in Berlin und wurde bei Versteigerungen am 19. bis 21. Mai und im September desselben Jahres angeboten. Im zugehörigen Auktionskatalog erscheint der Name des Sammlers im Besitzerverzeichnis an letzter Stelle chiffriert „D., Berlin“. Sie befinden sich zu großen Teilen heute in den Museen, für die sie 1941 erworben wurden.
Literatur und QuellenFalke, Otto von, Deutsche Möbel aus der Sammlung Dosquet. In: Pantheon 1941, S. 165-168.
Tisa Franicisi, Esther und Heuss, Anja und Kreis, Georg, „Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933 – 1945 und die Frage der Restitution“, Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, 1, Zürich 2001, S. 44.
Kuhrau, Sven, Der Kunstsammler im Kaiserreich. Kunst und Repräsentation in der Berliner Privatsammlerkultur, Kiel 2005.
Auktionskatalog „Wertvolles Kunstgewerbe aus Berliner und anderem Privatbesitz“, Versteigerung am 19., 20. und 21. Mai 1941, Hans W. Lange, Berlin W9, Bellevuestrasse 7, veröffentlich auf: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lange1941_05_19.
Wiedergutmachungsakte Landesarchiv Berlin, AZ 83 WGA 1983/55.

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