Navigation und Service

Lost Art


Jüdische Sammler und Kunsthändler (Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Enteignung)

Flechtheim, Alfred

Lebensdaten01.04.1878 in Münster (Westf.); † 09.03.1937 in London
BerufKunsthändler, Verleger u. Sammler; 1913 eröffnete er in Düsseldorf eine eigene Galerie; Dependancen in Frankfurt, Köln und Berlin, Wien; 1919 Düsseldorf; ab 1921 in Berlin.
Familie
  • Ehefrau (1910) Bertha (geb. 17.08.1881, gest. (Freitod vor Deportation) 15. Nov. 1941, Berlin), gen. Betti/Betty, geb. Godschmidt; Scheidung 1936
  • Geschwister: Hermann (1880-1960); Erna (18883-1929), verh. Loewenstein, Kinder: Vera Nora Loewenstein (1904-1948/New York) und Thea Ursula Henriette Loewenstein (1912-2005), verh. Klestadt (1935), Emigration USA 1937;
  • Neffe (nach Betti Flechtheim) + Erbe Henry Alfred Hulton/Heinz Alfred Hulisch (1910-92);
  • Nichte: Rosi Hulisch (1898-1942), Tochter von Clara Hulisch (Schwester von Betti)
AdresseBerlin, Bleibtreustraße; Düsseldorf, Königsallee
Firmensitz, -name, -gründungFlechtheim war Mitbegründer des Düsseldorfer Sonderbund und dessen Schatzmeister und handelte zunächst mit Werken der Düsseldorfer Malerschule. Später vertrat er Böcklin, Cézanne, Corinth, Courbet, Gauguin, van Gogh, Hodler, Liebermann, Manet, Monet, Redon, Renoir, Signac, Slevogt und Trübner sowie Braque, Heckel, Matisse, Jawlenski, Macke, Munch und Picasso. Auch den Impressionisten galt sein Interesse. Im Sommer 1914 stellte er erstmals deutsche Künstler aus dem Kreis des „Café du Dôme“ - Rudolf Grossmann, Rudolf Levy und Wilhelm Lembruck in der Ausstellung „Der 'Dome'“ in Düsseldorf aus. Während des Ersten Weltkrieges gab Flechtheim seine Galerie auf, die Bestände wurden 1917 in der ersten Auktion mit zeitgenössischer Kunst in Deutschland bei Paul Cassirer und Hugo Helbing in Berlin versteigert. Der Neuanfang setzte mit der Ausstellung „Expressionisten“ ein. Bis 1933 fanden über 150 Ausstellungen in seinen Galerien statt, zum Kundenkreis gehörten viele bedeutende deutsche Kunstmuseen. Im März 1933 gründete Alex Vömel eine eigene Galerie in den früheren Geschäftsräumen der Galerie Flechtheim. Flechtheim war zudem als Verleger bedeutend: 1921 Herausgabe der „Mitteilungen der Galerie Flechtheim“, später „Der Querschnitt. Marginalien der Galerie Flechtheim“; 1931/32 die  Zeitschrift „Omnibus“. Auzflösung der Firma lt. notariellem Protokoll in Beerlin am 18. Janur 1936 durch Flechtheim als Gesellschafter; Generalbevollmächtigter war der Wirtschaftsprüfer Alfred E. Schulte, Rosi Hulisch wurde zur alleinigen Liquidatorin bestellt (Dascher 2011, 356)
Schicksal

Im Oktober 1933 Ausreise über Paris und Zürich nach London; Flechtheim schreib am 1.10.1933 an Oskar Reinhardt: "Ich habe gestern Berlin u. zwar für immer verlassen. Meine Galerie da und in D'dorf werden geschlossen. Hofer, Kolbe u. wahrsch. auch Renée sind diffamiert! Was soll ich noch tun? [...] Hätte ich mich nicht mit Hofer, Kolbe, Renée, Klee, mit den Franzosen beschäftigt, kümmerte man sich nicht um mich! Ja, man hat mir angedeutet, daß, wenn ich auf diese Künstler verzichte, ich ruhig weiter Kunsthändler sein dürfte!!! Dann lieber richtig arm im Ausland als Verräter!"

Bis zu seinem Tod wiederholte Aufenthalte in Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz. Ende 1936 Sturz bei Glatteis in London, infolgedessen Blutvergiftung und Amputation eines Beines wurde. Am 9. März 1937 erlag Alfred Flechtheim den Folgen der schweren Operation in einem Londoner Krankenhaus.

In der Düsseldorfer NS-Propaganda Ausstellung "Entartete Kunst" wurde 1938 posthum ein großes Foto von Flechtheim gezeigt, das ihn und die von ihm vertretene Kunst mit dem Kommentar „Der Jude, der Großmanager dieser Kunst“ diffamierte. Weitere posthume Diffamierung (neben anderen) durch Wolfgang Willrich „Säuberung des Kunsttempels. Eine kunstpolitische Kampfschrift zur Gesundung deutscher Kunst im Geiste norddeutscher Art“ (1937).

Sammlung/ GeschäftIn Berlin entstanden die Portraits von Otto Dix und Frieda Riess, die Alfred Flechtheim als Kunsthändler zeigen. Zu den von ihm als Galerist vertretenen Künstlern zählten u.a. Pablo Picasso, Georges Braque, Paul Klee, George Grosz, Max Beckmann, Peter Janssen, Arno Breker, Aristide Maillol, Hanns Bolz, Hans Breinlinger u.a. Um 1934 schrieb Alfred Flechtheim an George Grosz: „…jetzt bin ich so zieml. über ½ Jahr draußen. Meine deutschen Galerien sind finanziell völlig zusammengebrochen u. nur mit Mühe und viel Aufregung ist es meinem Liquidator [Alfred Schulte] gelungen, einen Concours zu vermeiden. Meine Gläubiger bekommen 20 %. Es ist ihm gelungen mich vor voelligem Concurs zu retten. Meine sämtlichen Bilder habe ich meiner Masse zugeführt. Ich verkaufe sie für Rechnung der Gläubiger in London, wo ich jetzt 2 Monate weilte u. hoffe, irgendwie festen Fuß zu fassen…- In Deutschland ist alles aus für mich ein fremdes Land ohne Geld in diesen Zeiten! Du kannst Dir denken, wie meine Frau und ich leiden." Geschäftsbeziehung z.B. zu Henry Kahnweiler, Paris; Mayor Gallery, London.
RestitutionKunstmuseum Bonn, 2012, Paul Seehaus: Der Leuchtturm mit rotierenden Strahlen; Empfehlung Beratende Kommission zu Rückgabe von Oskar Kokoschka: Porträt Tilla Durieux 2013
LiteraturAlfred Flechtheim: "Nun mal Schluß mit den blauen Picassos". Gesammelte Schriften, hrsg. v. Rudolf Schmitt-Föller, mit einem Vorwort von Ottfried Dascher, Bonn 2010; Ottfried Dascher: Flechtheim und Dortmund. Eine Spurensuche, in: Verlust der Moderne. Kunst und Propaganda in Dortmund 1933/45. Dortmund 2008, Heft 2, 31-37; Ralph Jentsch: Alfred Flechtheim – George Grosz. Zwei deutsche Schicksale. Bonn 2008; Hans Albert Peters: Alfred Flechtheim – Sammler, Kunsthändler, Verleger. 1937, Europa vor dem 2. Weltkrieg (= Ausst.kat. Kunstmuseum Düsseldorf 1987); Eduard Plietzsch, "...heiter ist die Kunst", Erlebnisse mit Künstlern und Kennern. Mit Tafeln und Vignetten, Gütersloh 1955. 125-129. - Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, I. hrsg. v. Deutscher Wirtschaftsverlag, Berlin 1930; Christian Zervos: Entretien avec Alfred Flechtheim, feuilles volantes, Beiblatt der Zeitschrift Cahiers d'Art, Paris 1927, Nr.10. - Flechtheim Tagebuch 1913, abgedruckt in: Neue deutsche Hefte 135/19. Jg., Heft 3, 1972; Ottfrioed Dascher: Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst - Alfred Flechtheim, Sammler, Kunsthändler, Verleger, Wädenswil 2011; alfredflechtheim.com - Kunsthändler der Avantgarde (= Online-Ausstellung von 15 Museen 10/2013-02/2014) [www.alfredflechtheim.com]
S.a. mit anderer Aussage als Laurie Stein et.al.: http://www.rowlandlaw.com/Petropoulos-Rebuttal.pdf [= UNITED STATES DISTRICT COURT SOUTHERN DISTRICT OF NEW YORK: MARTIN GROSZ and LILIAN GROSZ Plaintiffs, against THE MUSEUM OF MODERN ART, Defendant, PORTRAIT OF THE POET MAX HERRMANN-NEISSE With Cognac-Glass, SELF-PORTRAIT WITH MODEL and REPUBUCAN UTOMATONS, Three Paintings by George Grosz, Defendants in rem. Case No.: 09 Civ. 3706 (CM)(THK); ECFCASE; AMENDED REBUTTAL EXPERT REPORT OF JONATHAN G. PETROPOULOS

Diese Seite:

© Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste - 2018