Navigation und Service

Lost Art


Jüdische Sammler und Kunsthändler (Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Enteignung)

Littmann, Dr. Ismar

Lebensdaten1878- 23. Sept.1934 (Selbstmord)
BerufRechtsanwalt
AdresseBreslau, Wohnung und Büro
FamilieEhefrau Käthe , 3 Söhne und 1 Tochter Ruth (Haller)
Schicksal1933 Berufsverbot, anhaltende wirtschaftliche Zwangslage, persönliche Schwierigkeiten führten zum Suizid 1934; 1934/35 Emigration der Söhne in die USA, die Ehefrau floh 1935 nach England und emigrierte 1940 in die USA.
SammlungBeginn Sammlungstätigkeit seit ca. 1916 mit Werken lebender Künstler, Schwerpunkt Maler des 19. Jh. und Berliner Sezession; nach Ende des Ersten Weltkrieges Aufbau einer der wichtigsten Sammlungen des Expressionismus', insbes. der Brücke. Dokumentation in zwei Inventaren: das "Große Buch", 1930 angelegt von dem Berliner Kunsthistoriker Bernhard Stephan, mit Beschreibungen der Ölgemälde und Aquarelle, mit 347 Nummern in alphabetischer Ordnung nach Künstlern sowie Grafik-Inventar mit 5814 Positionen, eingetragen von Littman nach Eingang ohne Angabe des Datums des Ankaufs. Schwerpunkte: Isidor Aschheim, Lovis Corinth (Corinth: 13 Gemälde, 596 Grafiken), Käthe Ephraim-Markus, Paul Kleinschmidt, Max Pechstein, Erich Heckel, Max Liebermann, Käte Kollwitz, Heirich Tischler; persönlicher Kontakt zu Breslauer Künstlern, bes. Otto Müller (vertreten mit 128 Grafiken, "Zigeunermappe" (1927) sowie Gemälde: Knabe vor zwei stehende und einem sitzenden Mädchen (1918/19), Zwei weibliche Halbakte (1919). 1929 Angebot von 50 bis 60 Leihgaben an die Stadt Breslau, Ausstellung dieser Werke im Mai 1930 im Haus Albert und Toni Neisser; Erste Verkäufe bzw. Versuche von Verkäufen im Zuge der Weltwirtschaftskrise; Anfang der 1930er Jahre Übereignung der o.a. Leihgaben aus dem Haus Neisser als Kreditsicherheit an die Städtische Sparkasse Breslau, im Mai 1933 Auslösung von 25 Gemälden; im September 1933 keine Möglichkeit mehr zur Zahlung der Versicherungsprämie für die restlichen. Nach dem Tod Ismar Littmanns sandten seine Witwe und der älteste Sohn Hans eine Reihe von Kunstwerken zur Versteigerung nach Berlin, dies zusammen mit denjenigen Gemälden und Grafiken, die an die unterschiedlichen Breslauer Banken verpfändet oder übereignet worden waren (Heuss 2008, 70f.). Verbleib eines Großteils der 6000 Werke unbekannt. Unklar ist die Anzahl der bereits vor 1933 veräusserten Werke oder ob es weitere Verkäufe nach 1933 gab.
Vermögens-verlust188. Auktion Max Perl, Berlin, 26./27. Februar 1935: Angebot von 200 Werken der Sl. Littmann, davon 156 aus dem Nachlass und 44 im Auftrag der Breslauer Banken.Kurz vor der Auktion Beschlagnahme von 64 Werken der Moderne, darunter 18 aus der Sl. Littmann, durch die Gestapo, die diese 1936 der Nationalgalerie übergab. Deren Direktor Hanfstaengl wählte vier Werke zu Dokumentationszwecken aus und 14 Grafiken zur Aufbewahrung, die übrigen wurden am 20. März 1936 in der Heizungsanlage des Kronprinzenpalais verbrannt (Fotografien dieser Arbeiten im Zentralarchiv der Staatlichen Museen, Berlin). Werke in der Nationalgalerie werden 1937 im Zuge der Aktion "entartete Kunst" beschlagnahmt, Otto Müllers "Zwei Akte, weibl. Halbfigur, gelangte nach fehlgeschlagenem Verkaufsversuch über das Auktionshaus Fischer in Luzern 1940 an hildebrand Gurlitt, der es 1942 an den Sammler Josef Haubrich vermittelte.
RestitutionWiedergutmachungsverfahren, geltend gemacht werden konnten nur die Werke aus der Auktion Max Perl 1935; erster Teilvergleich 1961 mit Anerkennung der Beschlagnahme von 6 Objekten und Entschädigungszahlung über 31.000 DM; 1965 Vergleich wegen der Entziehung von weiteren 117 Kunstwerken i.H.v. 12.600 DM; Ende 1990er Jahre Wiederauffindung der Inventare im Familienbesitz. Ab 1999 einzelne Restitutionen an die letzte lebende Tochter Littmanns, Ruth Haller: „Zwei weibliche Halbakte" von Otto Müller (1999) aus dem Museum Ludwig, Köln (dort als Schenkung Josef Haubrichs); Otto Müller, Knabe vor zwei stehende und einem sitzenden Mädchen (1999 Restitution, 1986 Kunsthalle Emden, 1979 Ankauf Henri Nannen aus Kunsthandel), das Gemälde „Olevano" von Alexander Kanoldt (Februar 2001), „La Procession" von Lucien Adrion sowie „Charlotte Corinth" von Lovis Corinth; 2002 Karl Hofer: „Sitzender Akt auf blauem Kissen". Herausgabebegehren zu Emil Noldes „Buchsbaumgarten" im Lehmbruck-Museum (offen).
QuelleBeiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz, bearb. v. Ulf Häder (= Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, 1), Magdeburg 2001, passim; Raue, Peter, „Summum ius summa iniuria - Geraubtes jüdisches Kultureigentum auf dem Prüfstand des Juristen". In: Museen im Zwielicht. Ankaufspolititk 1933-1945. Kolloquium vom 11. und 12. Dezember 2001 in Köln/ die eigene Geschichte. Provenienzforschung an deutschen Kunstmuseen im internationalen Vergleich.Tagung vom 20. bis 22. Februar 2002 in Hamburg, bearb. v. Ulf Häder (= Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, 2), Magdeburg 2002, 279f.; Heuss, Anja, „Wie geht es weiter? - Die Verantwortung der Museen". In: Museen im Zwielicht, 425; Reemtsma, Jan Philipp, „... daß erst nach über einem Jahrhundert...!" - Ist die diesbezügliche Fassungslosigkeit statthaft?". In: Museen im Zwielicht, 449, 452f. 457-459, 464, 474; Tisa Franicisi, Esther, Heuss, Anja, Kreis, Georg, Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933 – 1945 und die Frage der Restitution (= Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, 1), Zürich 2001, 44, 199; Heuß, Anja, „Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion", Heidelberg 2000, 31; Heuß, Anja, "Die Sammlung Littmann und die Aktion 'Entartete Kunst'. In: Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdichem Besitz von 1933 bis Heute (= Ausst.kat. Jüdisches Museum Berlin 2008), 69ff.; [URL].

Diese Seite:

© Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste - 2018