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Lost Art


Verhandlungen und Fachkooperationen zwischen den Staaten



1. Hintergrund

Während des Zweiten Weltkrieges wurden zahllose Kulturgüter von deutschen Soldaten zerstört oder gestohlen. Zudem wurden Millionen entsprechender Objekte zwischen verschiedenen Staaten verlagert.

Soweit es möglich war, wurden in Deutschland aufgefundene, geraubte Kunstgegenstände an die berechtigten Staaten zurückgegeben. So wurde etwa 2005 das in Deutschland belegene Gemälde „Reiterschlacht“ russischer Provenienz mit Hilfe auch von Lost Art identifiziert und innerhalb weniger Monate an Russland zurückgegeben.

Im Hinblick auf noch nicht restituierte Objekte bemüht sich die Bundesregierung um deren Rückführung. Dabei ist der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien für die Verhandlungen mit Russland zuständig, während die Federführung für die Gespräche mit anderen Staaten beim Auswärtigen Amt liegt. Die zentrale Grundlage für diese Rückführungsverhandlungen bilden insbesondere das Völkerrecht und hier speziell die Haager Landkriegsordnung von 1907 (HLKO): Sie verbietet etwa Plünderungen (Art. 47 HLKO), schützt das Privateigentum und untersagt die Beschlagnahmung, Zerstörung oder Beschädigung von Werken der Kunst (Art. 56 HLKO). Diese Bestimmungen gelten für öffentliches und privates Kulturgut (Art. 46, 56 HLKO).

Von dieser völkerrechtlichen Konstellation sind diejenigen Fälle zu unterscheiden, in denen Kulturgüter von Privaten (auch alliierten Soldaten) mitgenommen wurden.

Für den Fall des Auftauchens kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter und deren Angebot etwa an Alteigentümer bzw. kulturgutbewahrende Einrichtungen hat die ehemalige Koordinierungsstelle Magdeburg eine „Checkliste Beutekunst“ (PDF, 594 KB) zusammengestellt, die die wichtigsten Sofortmaßnahmen darstellt

In den vergangenen Jahren konnten auch mithilfe der Lost Art-Datenbank zahlreiche kriegsbedingt verbrachte Kulturgüter identifiziert und an die Berechtigten zurückgegeben werden. Hier nur einige Beispiele:

So identifizierte etwa das Jüdische Museum in Berlin im Jahr 2002 über die Lost Art–Datenbank das Gemälde „Jerusalem“ von Lesser Ury als kriegsbedingten Verlust aus Görlitz, als das Objekt dem Museum zum Kauf angeboten wurde; nach Gerichtsverfahren befindet sich das Bild heute wieder in Görlitz.

Mitte 2002 konnte ein Dujardin-Gemälde an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zurückgegeben werden. Im Mai 2005 erhielt die Stiftskirche Kleve eine spätgotische Holzfigur zurück. Diese gehörte bis zur Zerstörung der Kirche als Kanzelfigur zu ihrer Ausstattung. Ein kanadischer Soldat hatte sie 1945 aus den Trümmern geborgen und an sich genommen. Sein Sohn hatte mit der ehemaligen Koordinierungsstelle Magdeburg Kontakt aufgenommen und sogleich seine Rückgabebereitschaft signalisiert. In Zusammenarbeit mit den örtlichen staatlichen und kirchlichen Stellen konnte die Rückführung dann im Mai 2005 realisiert werden. Im Oktober 2005 konnten durch Vermittlung der ehemaligen Koordinierungsstelle Magdeburg und in Zusammenarbeit mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zwei Bücher aus Armenien nach Deutschland zurückgeführt werden. Es war der Wunsch der Witwe eines Soldaten, der während der Schlacht von Stalingrad diese Bücher im Sturmgepäck eines gefallenen deutschen Soldaten gefunden hatte, dass diese nach Deutschland zurückkehren sollten. Da Bibliotheksstempel auf das damalige Reichsforstministerium verwiesen, wurden die Bücher dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz übergeben. Ende 2005 wurden mehrere kriegsbedingt verbrachte Gemälde aus Pirmasens in der Lost Art-Datenbank erfasst, von denen im Februar 2006 drei Objekte von den USA an Deutschland restituiert wurden. Im Januar 2007 erfolgte die Rückführung des Gemäldes „Pfalzgraf Friedrich Michael von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld“ von Johann Nepomuk Reuling aus Frankreich an das Historische Museum der Pfalz in Speyer: Das in der Lost Art–Datenbank registrierte Bild wurde unmittelbar vor der für April 2006 in Paris geplanten Auktion als Kriegsverlust Speyers identifiziert. In einer gemeinsamen Aktion von Museum, Beauftragtem für Kultur und Medien, Auswärtigem Amt, Land, Botschaft, Rechtsanwalt und ehemaliger Koordinierungsstelle konnte das Bild rechtzeitig aus der geplanten Versteigerung herausgenommen werden. In den darauf folgenden Verhandlungen gelang es dem Museum mit Unterstützung Dritter, das Bild wiederzugewinnen. Im Frühjahr 2010 erreichte die ehemalige Koordinierungsstelle der Hinweis, dass sich das in der Lost Art–Datenbank registrierte Gemälde „Hund mit Schimmel“ von William Cole in Privatbesitz befände. Das Bild war bereits Jahre zuvor von der Nationalgalerie Berlin als kriegsbedingter Verlust in www.lostart.de verzeichnet worden. Die Koordinierungsstelle stellte sogleich den Kontakt zwischen den Beteiligten her. Im Ergebnis konnte das Bild im Herbst 2010 für die Nationalgalerie wiedergewonnen werden. Die Lost Art–Datenbank wird seit 2015 vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betrieben, in dem die ehemalige Koordinierungsstelle aufging.

Ein ausführlicher Überblick zu entsprechenden Rückführungen und Rückgaben seit 1945 findet sich beispielsweise im von Uwe Hartmann 2007 bearbeiteten Band „Kulturgüter im Zweiten Weltkrieg. Verlagerung – Auffindung – Rückführung“, der als viertes Buch in der Veröffentlichungsreihe der ehemaligen Koordinierungsstelle Magdeburg realisiert wurde.

2. Staaten

Russland: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Millionen deutscher Kunstgegenstände, Bücher und Archivalien in die Sowjetunion verbracht. Zwar wurden in den 1950er Jahren zahlreiche Kulturgüter an die ehemalige DDR zurückgegeben. Allerdings befinden sich bis heute noch unter anderem mehr als 200.000 Kunstwerke, über vier Millionen Bücher und Archivgut von drei Regalkilometern Länge deutscher Provenienz in Russland.

Im Hinblick auf die Rückführungsverhandlungen zwischen Deutschland und Russland gelten unter anderem der Deutsch-sowjetische Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit von 1990 (PDF, 316 KB). Nach dessen Artikel 16 II sollen verschollene oder unrechtmäßig verbrachte Kunstschätze, die sich auf dem jeweiligen Territorium befinden, an den Eigentümer oder seinen Rechtsnachfolger zurückgegeben werden. Dieses Ziel wurde zwei Jahre später mit Artikel 15 des Deutsch-russischen Abkommens über kulturelle Zusammenarbeit von 1992 von beiden Staaten bekräftigt.

Die vorbezeichneten Vereinbarungen von 1990 und 1992 stehen im Einklang mit dem Völkerrecht wie bspw. der HLKO. Im Gegensatz dazu steht seitens der Russischen Föderation das 1998 erlassene Föderale Gesetz über die infolge des Zweiten Weltkriegs in die UdSSR verbrachten und sich im Hoheitsgebiet der Russischen Föderation befindenden Kulturgüter (sog. „Beutekunstgesetz (PDF, 9 MB)“), edas am 20.07.1999 vom russischen Verfassungsgericht bestätigt wurde. Dieses Gesetz stellt auf eine kompensatorische Restitution der erlittenen russischen Verluste ab und erklärt in Art. 6 die in Russland belegenen Kulturgüter deutscher Provenienz - abgesehen von Kulturgütern religiöser Einrichtungen oder solchen, die NS-verfolgungsbedingt entzogen wurden - zum Eigentum des russischen Volkes.

Die deutsch-russischen Verhandlungen waren etwa im Hinblick auf die Rückgabe der Chorfensterscheiben der St. Marienkirche in Frankfurt/Oder erfolgreich; allerdings konnte für den größten Teil der in Russland belegenen Objekte deutscher Provenienz bis heute noch keine Lösung gefunden werden.

Auf der deutsch-russischen Fachebene wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche unterschiedliche Initiativen begründet; zu nennen sind etwa der Deutsch-Russische Museumsdialog oder der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog. Im Rahmen dieser beiden Dialoge wurde beispielsweise seitens der ehemaligen Koordinierungsstelle Magdeburg das Angebot einer deutsch-russischen Datenbankkooperation über die Lost Art–Datenbank unterbreitet, um die russischen Bemühungen im Hinblick auf die Herstellung von Transparenz zu russischen Verlusten international zu unterstützen.

Dass diese zahlreichen Aktivitäten der Fachebene positive Auswirkungen gerade auch auf die politische Ebene haben, zeigte etwa die Eröffnung der Moskauer „Merowinger“-Ausstellung von 2007, anlässlich der Kulturstaatsminister Neumann und der russische Kulturminister Sokolow ihre Regierungsverhandlungen fortführten.

Polen: Im Mittelpunkt der deutsch-polnischen Verhandlungen stehen unter anderem die sog. „Berlinka“. Dabei handelt es sich um eine Sammlung bedeutender Objekte, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in polnischem Besitz befindet. Sie umfasst unter anderem mittelalterliche Handschriften, Autographen beispielsweise von Luther und Goethe sowie Originalpartituren etwa von Beethoven und Mozart. Die Objekte wurden während des Krieges aus der Preußischen Staatsbibliothek Berlin nach Schlesien ausgelagert. Mit dem Potsdamer Abkommen und der damit verbundenen neuen Grenzziehung befanden sich die entsprechenden Objekte dann auf polnischem Territorium.

Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen basieren auch auf Artikel 28 – und hier insbesondere auf Absatz (3) – des Vertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991:

„Artikel 28: (…)

(2) Die Vertragsparteien werden sich der auf ihrem Gebiet befindlichen Orte und Kulturgüter, die von geschichtlichen Ereignissen sowie kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen und Traditionen der anderen Seite zeugen, besonders annehmen und zu ihnen freien und ungehinderten Zugang gewährleisten beziehungsweise sich für einen solchen Zugang einsetzen, soweit dieser nicht in staatlicher Zuständigkeit geregelt werden kann. Die genannten Orte und Kulturgüter stehen unter dem Schutz der Gesetze der jeweiligen Vertragspartei. Die Vertragsparteien werden gemeinsame Initiativen in diesem Bereich im Geiste der Verständigung und der Versöhnung verwirklichen. (3) Im gleichen Geiste sind die Vertragsparteien bestrebt, die Probleme im Zusammenhang mit Kulturgütern und Archivalien, beginnend mit Einzelfällen, zu lösen.“

Ukraine: Die Verhandlungen zwischen Deutschland und der Ukraine gestalten sich grundsätzlich positiv:

So wurden etwa 1997 vom Bundesarchiv 3.890 Fotos an die Ukraine zurückgegeben, die vom Einsatzstab Reichleiter Rosenberg geraubt, nach Kriegsende in die USA verbracht und in den 1960er Jahren von den USA dem Bundesarchiv abgegeben worden waren. 2008 erfolgte die Rückgabe der restlichen als Beutegut identifizierten 246 Bilder an die Ukraine. 1998 bzw. 2003 schenkte das Bundesarchiv der Ukraine außerdem im Zuge seiner Bestandsbereinigung 3 Spiel- und 27 Dokumentarfilme.

Die Ukraine gab etwa im November 2001 das Archiv der Sing-Akademie zu Berlin zurück, das unter anderem 400 Autographe und Drucke von Carl Philipp Emmanuel Bach enthält. Drei Jahre später gab der ukrainische Staatspräsident Kutschma kriegsbedingt verbrachte Kupferstiche aus den Beständen des Dresdner Kupferstichkabinetts an Deutschland zurück. Und im Frühjahr 2011 übergab Außenminister Westerwelle dem ukrainischen Außenminister Hryschtschenko mehrere Ostereier, die kriegsbedingt aus dem Staatlichen Museum Kiew nach Deutschland verbracht worden waren.

Auf der Fachebene wurde beispielsweise 2003 eine deutsch-ukrainische Datenbankkooperation über die Lost Art–Datenbank begründet, um die ukrainische Seite in ihren Bemühungen zur Herstellung von Transparenz zu ukrainischen Verlusten zu unterstützen. Diese Datenkooperation wurde seitdem stetig ausgebaut. Mittlerweile finden sich in Lost Art von 14 ukrainischen kulturgutbewahrenden Einrichtungen Meldungen zu mehr als 10.300 vermissten ukrainischen Kulturgütern.

Beispielsweise anlässlich eines Treffens vom 19.07.2011 in der ehemaligen Koordinierungsstelle Magdeburg konnte der deutsch-ukrainische Dialog intensiviert werden. (Download (PDF, 188 KB)). Seit 2015 wird der Dialog vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste fortgeführt, in dem die ehemalige Koordinierungsstelle aufgegangen ist.

Armenien: Im Rahmen der Rückführungsverhandlungen zwischen Deutschland und Armenien restituierte die armenische Seite 1998 zunächst 575 deutsche Musikalien, Bücher und Archivalien, darunter hoch bedeutende Einzelstücke. Im August 2000 wurden weitere 18.000 Bücher nach Deutschland zurückgeführt.

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